Jakob writes - Sportsfreund - A short story by Jakob Straub

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Sportsfreund

Sein Sohn ließ sich tatsächlich die Packung bringen. Sie warteten schweigend. Mit dem Trinkhalm träufelte der Junge seinen Orangensaft auf den weißen Plastiktisch und lenkte eine Ameisenstraße um. Der Vater ließ ihn gewähren. Gedankenlos hatte er sich ein Schinken-Käse-Croissant bestellt. Kaffee, schwarz, gegen die Kopfschmerzen. Den Jungen hatte er selbst wählen lassen, und Robbie hatte Birchermüsli bestellt.

Die Bedienung hatte die Speisen gebracht, der Sohn hatte den Löffel in die Hand genommen und gefragt, “Können Sie über die Inhaltsstoffe dieses Müslis Aussage treffen?”

“Robbie!” hatte er den Jungen angefahren.

“Wir müssen wissen, was im Müsli ist”, hatte der Junge gesagt. Er benutzte das wir, so wie seine Mutter es immer benutzte.

Die Bedienung sah irritiert den Vater an.

“Er hat eine Allergie”, hatte der Vater gequält hervor gepresst, “bringen Sie uns irgendwas, wo die Zutaten des Müslis aufgelistet sind, wären Sie so nett.”

“Es steht fast immer auf der Packung”, hatte der Junge gesagt. Schnaubend war die Bedienung wieder nach drinnen verschwunden.

Der Vater legte die Sonnenbrille ab und massierte seine Schläfen. Robbie hielt den Löffel immer noch aufrecht in der Hand und beschäftigte sich wieder mit den Ameisen. Der Verkehr rauschte hinter den Baumwipfeln. Schon auf der Hinfahrt waren die Pausen anstrengend gewesen. Mit der ihm eigenen Unbeholfenheit hatte der Junge seine 50 Cent im Schlitz des Drehkreuzes vor den Toiletten versenkt und hinterher darauf bestanden, den erhaltenen Coupon einzulösen. Dazu war er durch den Snackbereich gelaufen und hatte die Preisschilder studiert, als ob es sich um Attraktionen eines Vergnügungsparks handelte und nicht um eine der ewig gleichen Autobahnraststätten. Als er schließlich etwas für 49 Cent gefunden hatte erschien ihm der eine Cent Rückgeld so viel wertvoller als der erstandene Brauselutscher.

Nach der Autobahn hatten sie sich über Landstraßen ihrem Ziel genähert, und Robbie hatte nochmal in die Wildnis gemusst. In seinen kurzen Hosen und den Sandalen, die er nur mit Socken trug (der Junge weigerte sich, barfuß in irgendwelches Schuhwerk zu schlüpfen), war er im hohen Gras zwischen Birkensetzlingen herumgestakst auf der Suche nach einem geeigneten Platz zum Pinkeln – so lange, dass der Vater schon befürchtet hatte, er könnte vielleicht doch noch in die Hose machen. Auf dem Rückweg zum Auto humpelte er deutlich und präsentierte dem Vater eine rote Beule auf weißer Wade.

“Was ist denn das, Sportsfreund?”

“Ein Bienenstich.”

Jakob writes - Sportsfreund - A short story by Jakob Straub

Illustration for the short story Sportsfreund by Julia Wilke and Lisa Antonie Scherer

Der Vater holte ein kühlendes Gel aus dem Verbandskasten und trug es auf. Robbie starrte regungslos auf die gerötete Stelle, die unter der durchsichtigen Salbe hervor schimmerte, bis ihn der Vater fragte, ob er auch noch einen Verband wollte.

Während der Vater die Binde fixierte, fragte Robbie: “Papa, warum heißt es Bienenstich?”

Der Vater sah in an. “Weil eine Biene einen gestochen hat. Der Stich einer Biene ist ein Bienenstich.”

Robbie blickte unverändert drein. “Ich meine den Kuchen. Wieso heißt der genauso.”

Der Vater wusste keine Antwort. Er wusste weder wie der Kuchen zu seinem Namen noch wie der Junge auf solche Gedanken kam. Hin und wieder machte er Vorstöße, seine inneren Vorgänge in Worte zu fassen, aber eine richtige Unterhaltung konnte der Vater kaum mit ihm führen. Einmal hatte Robbie ihn gefragt, was im Jahr 2085 passieren würde. Der Vater hatte eigentlich nicht vorgehabt, das zu erleben.

“Wenn sich weiterhin die Transistordichte einer Schaltung alle zwei Jahre verdoppelt bei gleichzeitiger Verdoppelung der Rechenleistung, dann müsste 2085 ein Bauelement nur noch aus einem halben Atom bestehen. Das ist eine einfache Kalkulation, Papa.”

Der Vater hatte den Jungen zu Bett gebracht und die Enzyklopädie aus dem Regal geholt. Wo schlug man so etwas nach? Wo hatte der Junge das her?

Er stellte sich den Jungen im Zelt vor; die Steine, die sein empfindlicher Rücken durch die Isomatte spüren würde; die Zielsicherheit, mit der er im Dunkeln über Heringe und Zeltschnüre stolpern würde, wenn er nachts raus musste. Nein, Zelten war ausgeschlossen. Bei der Reiseplanung hatte er sich gedacht, dass es egal war, wo sie übernachteten, solange der Junge nur die Natur erfahren würde, aber als sie vor einer der wenigen Pensionen im Ort aus dem Auto gestiegen waren hatte er sich umgesehen und gefragt, wieviel von diesem Ort er selbst noch kannte.

Über die nächsten Tage hatte er den Jungen durch das Dorf geführt, um ihm die Plätze zu zeigen, an denen er selbst aufgewachsen war. Hier war er mit Freunden zum Fliegenfischen gegangen. Dort hatte er einmal an einem Nachmittag Holz für den halben Winter gehackt. Auf dem Marktplatz hatten sie jedes Jahr den Maibaum aufgestellt. Er hatte Robbie von der Seite angeschaut, ob der Junge eine Regung zeigte, aber es war, wie wenn man ihm beim Lesen zusah; seine Augen sprangen von links nach rechts und zurück, er saugte alles in sich auf, aber er blieb verschlossen. Was hatte der Vater auch erwartet, dass die Natur auf den Jungen abfärben würde, dass er statt einem Sonnenbrand eine gesunde Hautfarbe bekäme, dass er statt nach dem Mückenschutz nach der Badehose verlangen würde?

Am letzten Tag waren sie an einem Ort vorbeigekommen, der die Stimmung des Vaters plötzlich hob, und in Spendierlaune hatte er gesagt, “Auf, Sportsfreund, ich geb eine Runde aus!”
Hierher hatte ihn sein eigener Vater mitgenommen, wenn er von seinen Handlungsreisen zu Hause war, hier hatte er sich Anerkennung gewinnen können und Stolz kennengelernt. Die Anlage war dieselbe, nur der Apostroph auf dem geschwungenen Schild über dem Eingangstor war neu: “Bert’s Minigolf.” Robbie sagte nichts, kniff die Augen zusammen und starrte durch seine Brille hindurch die anderen Golfer an, als könnte er sich das Spiel von ihnen abschauen.

Er wollte dem Jungen die Sache schmackhaft machen, Minigolf sei ja im Prinzip Geometrie, es gebe eine gedachte Linie vom Ball zum Loch, die es zu finden galt. Die angewandte Mathematik scheiterte aber an Robbies Haltung, seinem verkrampften Abschlag. Je mehr der Junge mit dem Schläger kämpfte, den Ball nicht durch die Röhren und Tunnels bekam, desto verbissener spielte der Vater selbst im schmerzlichen Bewusstsein des Bildes, das sie beide abgaben. Aber er sah sich unfähig zu jeder Hilfestellung.

Sollte er sich schämen über die Erleichterung, die er spürte, dass ihn doch niemand von früher kannte? Aber was hätte er auch vorzuweisen gehabt – diesen Waschlappen von einem Sohn etwa, der je nach Jahreszeit der einen oder anderen Allergie erlag, der von sich selbst manchmal tagelang mit Roboterstimme in der dritten Person sprach und seitenweise Leserbriefe an Computerzeitschriften schrieb. Der Junge kam so sehr nach seiner Mutter was die Beschäftigung mit seinen kränkelnden Zuständen anging, die er geradezu kultivierte. Was für ein Mann sollte aus ihm werden?

Robbie hatte seinen Ball in den Tümpel geschlagen. Der Vater sah dem Jungen zu, wie er ungelenk mit einem großen Plastiknetz hantierte, und versuchte, sich zu überwinden: er brauchte sich nur einen Ruck zu geben, dem Jungen den Kescher aus der Hand zu nehmen, den Ball aus dem Wasser zu fischen und für ihn einzulochen, die Punkte zusammenzuzählen und die ganze Reise abzuschreiben. Da war es ihm eingefallen: schon sein Vater hatte ihn so genannt. Sportsfreund.

Jakob writes - Sportsfreund - A story by Jakob Straub

Title design by Julia Wilke and Lisa Antonie Scherer

Wenn er jetzt daran dachte, pochte sein Kopfschmerz umso mehr. Er blinzelte in der Sonne und konnte die Bedienung ausmachen, wie sie ins Freie trat. Sie legte einen leere Großpackung Müsli vor ihn auf den Tisch. Der Vater nickte mit dem Kinn in Richtung des Jungen, und ohne die Augen von ihm abzuwenden hielt die Bedienung Robbie die Tüte hin. Ihr Blick war Spott und Bedauern, als wollte sie sagen, bei so einem Vater kann der Junge ja nichts werden. Der Vater schluckte seine Magensäure runter.

Robbie, der von dem Blickwechsel nichts mitbekam, rückte die Brille zurecht und beugte sich über die Packung. Der Vater trank den Kaffee in kleinen Schlucken. Die Magensäure stieg trotzdem in ihm auf, und die Bedienung sah ungeduldig das Kind an. Robbie nahm keine Notiz, also winkte der Vater sie weg.

Robbies Augen schossen von links nach rechts, dann las er vor, triumphierend als hätte er einen seiner Ratekrimis gelöst: “Kann Spuren von Erdnüssen enthalten!”

Erneut schluckte der Vater, hielt die Hand vor den Mund, aber zu spät. Er musste vor Sodbrennen laut rülpsen, und der saure Geruch aus seinem Mund widerte ihn sofort an. Der Junge prustete los und schüttelte sich vor Lachen.

Der Vater streckte den Arm über den Tisch und drückte ihm die flache Hand auf den offenen Mund. Robbie schnaubte durch die Nase, lachte weiter. Er spürte den feuchten Atem des Jungen an seiner Hand.

“Das reicht jetzt, Sportsfreund.”

Er zog den Arm zurück und wischte sich die Hand ab. Robbie gluckste noch einmal, verlegen, dann schaufelte er den Löffel voll mit Birchermüsli, hob ihn auf Höhe des offenen Mundes und blickte seinen Vater über die Brille hinweg an. Ein Erdnussfitzel reichte aus; sein Hals würde anschwellen, die Luftröhre sich gefährlich verengen. Vater und Sohn sahen zum Auto am Ende des Parkplatzes. In einer Kühlbox auf dem Beifahrersitz die Spritze mit dem Adrenalin, die sie immer dabei hatten. Robbies Blick folgte dem seines Vaters zu den Autoschlüsseln, die neben der Sonnenbrille auf dem Tisch lagen, umwandert von Ameisen.

Der Vater packte den Schlüsselbund und schleuderte ihn weit von sich. Das Metall klirrte auf dem Asphalt des Parkplatzes. Robbies Mund stand noch immer offen. Vom Löffel tropfte der Joghurt, der sich in der Hitze verflüssigte. Wer war dieser Junge?


This German short story was awarded the 1st prize in the ALFA short story contest, July 2010. First published in SPUREN – Die Anthologie. First edition 2010. ISBN:978-989-9665-3-8. Barbara Fellgiebel, edition ALFA.